(Werbung) Es kommt selten vor, dass der Titel eines Buches so punktgenau das erste Leseerlebnis beschreibt – wenn auch auf eine völlig andere Weise als gedacht. Als ich „Dicke Luft: Warum geschlossene Räume uns krank machen und wie wir uns schützen“ von Andreas Pross in den Händen hielt, fiel mir als allererstes der Geruch auf. Das Buch stinkt schlichtweg bestialisch nach Druckchemikalien. In der Leserunde wurde dies von mehreren Personen bemängelt, und der Autor erklärte daraufhin, dass er und seine Frau die Bücher selbst nur in einem separaten, dauerhaft aktiv gelüfteten Raum lagern, den sie möglichst kurz betreten. Ein Buch über gesunde Luft, das man zu Hause wie Gefahrgut behandeln muss? Das ist eine Ironie, die man sich kaum ausdenken kann. Doch leider konnte mich auch der Inhalt dieses Ratgebers nicht wirklich überzeugen.
Das Buch
- Autor: Andreas Pross
- Titel: Dicke Luft: Warum geschlossene Räume uns krank machen und wie wir uns schützen
- Erscheinungsdatum: 20. April 2026
- ISBN: 978-3986412692
- Verlag: dp digital publishers

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Worum geht es in „Dicke Luft“?
Das Buch beleuchtet die drastischen Auswirkungen von schlechter Raumluft und dem Mangel an Frischluft auf unsere Gesundheit. Der Autor verknüpft diese Thematik mit persönlichen Einblicken in die Kindheitserfahrungen und Lebenswege der im Buch beschriebenen Personen, die sowohl mit körperlichen als auch mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen hatten. Während sich der eine Part eher zurückzog, rebellierte der andere und rutschte in die Selbstverletzung ab. Draußen, an der frischen Luft, ging es allen besser. Das Buch versucht aufzuzeigen, wie chronischer Frischluftmangel Krankheiten, Depressionen und familiäre Konflikte begünstigt, und liefert Tipps, wie man sich in Innenräumen besser schützen kann.

Meine ehrliche Meinung: Eine viel zu einseitige Sichtweise
Als jemand, die leider selbst aus eigener Erfahrung genau weiß, wie sich psychische Probleme und chronische Erkrankungen anfühlen, sehe ich den Ansatz dieses Buches extrem skeptisch. Die im Buch beschriebene Kernbotschaft – dass diese tiefen psychischen und gesundheitlichen Probleme primär an der schlechten Luft liegen und sich durch den Gang nach draußen quasi in Luft auflösen – ist mir viel zu einfach und schlichtweg falsch. Ja, es ist bewiesen, dass Bewegung an der frischen Luft Symptome mildern kann. Aber sie heilt keine Depressionen. Was soll ich bitteschön an meinen Genen ändern? Das funktioniert so nicht. Bei einem so sensiblen Thema fehlt mir hier ganz klar der eindringliche Hinweis, sich im Ernstfall professionelle Hilfe zu holen, statt nur das Fenster zu öffnen.
Zudem ist die Argumentation im Buch unheimlich einseitig. Es wird so getan, als sei das geöffnete Fenster immer die perfekte Lösung. Dabei wird völlig ignoriert, wo man überhaupt wohnt. Wenn ich das Fenster aufmache, lasse ich die Luft ja nicht nur raus, sondern eben auch rein. Was bringt mir das, wenn draußen gerade der Bauer die Gülle ausfährt oder in der Nachbarschaft etwas verbrannt wird?
Für mich persönlich wird es sogar ganz konkret zum Problem: Ich reagiere extrem empfindlich auf Luftdruckveränderungen, was bei mir schwere Migräneanfälle auslöst. Wenn bei mir das Fenster offen steht und die wetterbedingten Luftveränderungen ungefiltert reinwabern, geht es mir danach erst recht richtig schlecht. Das Buch tut so, als könnten wir uns im Alltag allem entziehen. Die Realität sieht aber anders aus. Natürlich kann man mit Pflanzen, schadstofffreien Farben und regelmäßigem Lüften viel tun – aber das machen die meisten gesundheitsbewussten Menschen ohnehin schon.
Zwischen zähem Schreibstil und tollen Quellennachweisen
Auch rein sprachlich war das Buch für mich leider eine kleine Geduldsprobe. Der Schreibstil ist phasenweise extrem langatmig und zäh. Es wird unheimlich viel erzählt, was für Menschen, die den Autor oder die Beteiligten persönlich kennen, sicherlich spannend sein mag – für mich als Außenstehende war es beim Lesen jedoch einfach nur anstrengend.
Fairerweise muss ich aber auch ein paar positive Punkte hervorheben, denn das Buch hat durchaus seine Stärken. Zwischendurch gibt es immer wieder optisch hervorgehobene Info-Kästchen, in denen wichtige Begriffe verständlich erklärt werden – zum Beispiel, dass eine Depression weitaus komplexer ist als bloße Trauer oder Antriebslosigkeit. Das fand ich sehr gelungen. Ein riesiges Plus, das man bei solchen Büchern leider viel zu selten sieht, ist außerdem der umfangreiche und saubere Quellennachweis am Ende des Buches. Hier wurde wissenschaftlich wirklich ordentlich gearbeitet.
Das ewige Lüftungs-Paradoxon
Dass Frischluftmangel in unserer Gesellschaft ein Problem ist, lässt sich natürlich nicht leugnen. Wir alle kennen doch das klassische Paradoxon aus der Schule oder dem Büro: Kaum macht im Winter jemand das Fenster auf, schreien drei andere, man soll es sofort wieder zumachen. Im Sommer ist es genau umgekehrt: Draußen herrscht brütende Hitze, man macht das Fenster drinnen bewusst zu, damit die Wärme draußen bleibt, und alle meckern, dass es stickig ist und man das Fenster aufreißen soll – nur damit es danach noch heißer und unerträglicher wird. Warum selbst erwachsene Menschen dieses Prinzip bis heute nicht verstehen, wird mir wohl für immer ein Rätsel bleiben.

Mein Fazit: Für wen lohnt sich das Buch?
Für absolute Neueinsteiger, die sich zum ersten Mal ganz oberflächlich mit den Auswirkungen von Raumklima auf das Wohlbefinden beschäftigen möchten, ist „Dicke Luft“ vielleicht ein ganz netter Denkanstoß. Man sollte die Thesen jedoch unbedingt mit einer großen Portion Skepsis lesen und sich auf jeden Fall noch an anderen, professionelleren Stellen informieren. Wegen der extrem einseitigen Darstellung, dem zähen Schreibstil und dem unerträglichen Chemie-Geruch des Printmediums reicht es für mich leider nur für 2 von 5 Sternen.