Einfach nur da sein: Was Merle und Lennart über das Leben, Vertrauen und Hilfe annehmen erzählen
Wenn man einen Mystery-Roman schreibt, stehen auf den ersten Blick oft die Rätsel, alten Tagebücher und verborgenen Artefakte im Vordergrund. Doch was eine Geschichte am Ende wirklich trägt, sind die Menschen darin. In Das stille Vermächtnis sind das Merle und Lennart. Zwei Charaktere, die mit ihren ganz eigenen Rucksäcken aufeinandertreffen – und deren Verbindung eine Botschaft trägt, die mir persönlich extrem am Herzen liegt.
Manchmal fragen mich Lesende, ob die beiden als klassische Gegensätze angelegt sind, die sich gegenseitig ergänzen müssen. Aber darum ging es mir gar nicht. Ich wollte keinen Kitsch und keine Schablone bedienen. Mir war es wichtig zu zeigen: Egal, was du glaubst zu sein oder was andere über dich denken – lass dir nichts einreden! Menschen sind verschieden, und eine Blinde und ein Sehender, eine Extrovertierte und ein Introvertierter können auf tiefste Weise befreundet sein, ohne dass irgendjemand in eine Schublade gepresst werden muss.
Humor als Rüstung für das Leben
In Das stille Vermächtnis gibt es eine Szene im Wald, die mir beim Schreiben besonders viel Freude gemacht hat: Lennart hebt ein morsches Stück Holz an und entdeckt einen kleinen Käfer, der hilflos auf dem Rücken liegt. Als er überrascht ist, wie liebevoll Merle das Insekt aufhebt und wieder ins Laub setzt, kontert sie in ihrer ganz typischen, trocken-selbstironischen Art:
„Glaubst du etwa, ich ekele mich vor ihnen? Warum sollte ich? Ich bin diejenige, die in ihr Zuhause eingedrungen ist. Die haben sicher mehr Angst vor mir.“
[Merle in „Das stille Vermächtnis“ von Roswitha Böhm]
In solchen Momenten steckt ganz viel von mir selbst. In meinen 45 Jahren habe ich wahrscheinlich mehr erlebt als manche 90-Jährige. Das meiste davon waren echte Tiefpunkte. Aber ich stehe immer noch hier – und das Wichtigste ist: Ich habe meinen Humor nicht verloren. Merle hat diesen Zug ein stückweit von mir geerbt. Wenn das Leben dir Steine in den Weg legt, ist ein gewisser Schuss Humor oft die beste Rüstung, um nicht verbittert zu werden.
Man muss niemanden retten – da sein reicht
Genauso wie der Humor hat auch das Thema Vertrauen einen sehr persönlichen Hintergrund. Es hat in meinem eigenen Leben ewig gedauert, bis ich an den Punkt gekommen bin, Hilfe überhaupt annehmen zu können und echtes Vertrauen zuzulassen. Der Mensch, bei dem mir das schließlich gelungen ist, war mein jetziger Mann. Wir beide haben unsere Päckchen aus der Vergangenheit zu tragen. Aber ich habe irgendwann aufgehört, die ganze Welt retten zu wollen.
Ich muss nicht gerettet werden, und andere müssen es auch nicht. Am Ende kann jeder nur selbst etwas für sich tun. Aber was ungemein hilft, ist jemanden an der Seite zu haben. Diese Person muss nicht immer das perfekte Wort parat haben oder die Welt für einen reparieren. Manchmal reicht es einfach nur, wenn sie da ist.
Genau das erleben auch Merle und Lennart. Sie sitzen zusammen, lesen im Tagebuch, lachen über einen knurrenden Magen bei einer einfachen Tasse Kräutertee oder gehen Schritt für Schritt durch die Dunkelheit. Sie verändern sich nicht gegenseitig mit Gewalt, sondern geben sich den Raum, einfach sie selbst zu sein.
Lass dir nichts einreden, geh deinen Weg – und wenn du jemanden findest, der einfach schweigend neben dir geht, während du deine eigenen Schritte machst, dann hast du genau das Richtige gefunden. 💜