Trigger-Check: Können Düfte Migräne auslösen?

Lavendel soll entspannen. Soll Kopfschmerzen lindern. Ist quasi das Wundermittel der Aromatherapie.

Bei mir löst er oft Migräne aus.

Das klingt paradox – und lange habe ich gedacht, irgendetwas stimmt bei mir nicht. Bis ich einen Namen dafür gefunden habe: Osmophobie. Die Überempfindlichkeit gegenüber Gerüchen bei Migräne. Und ich bin damit nicht allein.

Hinweis vorab: Ich bin keine Ärztin und dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Was ich hier teile, sind meine persönlichen Erfahrungen als Betroffene – aus Patientinnenperspektive.

Was ist Osmophobie?

Osmophobie bedeutet wörtlich „Angst vor Gerüchen“ – trifft es aber nicht ganz. Es geht weniger um Angst als um eine überhöhte Geruchsempfindlichkeit, die bei Migränebetroffenen weit häufiger auftritt als in der Allgemeinbevölkerung.

Eine Studie des UniversitätsSchmerzCentrums und des Interdisziplinären Riechzentrums des Universitätsklinikums Dresden, veröffentlicht im Journal of Headache and Pain, untersuchte 113 Migränebetroffene und kam zu einem klaren Ergebnis: Etwa 30 % der Erkrankten nennen Gerüche als Auslöser für Migräneattacken. Ein Drittel der Menschen mit schwerer und langjähriger Migräne ist dauerhaft geruchsüberempfindlich – auch zwischen den Attacken.

Und: Bei Migräneformen mit Aura tritt die Geruchsüberempfindlichkeit doppelt so häufig auf wie bei Formen ohne Aura.

Das ist keine Einbildung. Das ist Neurologie.

Warum lösen Düfte Migräne aus?

Die Studie legt nahe, dass unangenehme Düfte nicht nur den Riechnerv aktivieren, sondern auch den Trigeminusnerv – den Nerv, der für die Schmerzwahrnehmung am Kopf verantwortlich ist. Das olfaktorische und das trigeminale System sind auf neuronaler Ebene miteinander verbunden.

Einfacher gesagt: Der Geruchssinn und das Schmerzsystem im Gehirn hängen bei Migränebetroffenen enger zusammen als bei Menschen ohne Migräne. Ein intensiver Duft kann dieses System aktivieren – und eine Kaskade auslösen, die im Anfall endet.

Das belegt auch eine prospektive Studie des brasilianischen Neurologen Raimundo Pereira Silva-Néto und Kollegen, 2017 im Fachjournal Cephalalgia (SAGE Journals) veröffentlicht: Bei 34,7 % der 72 untersuchten Migränepatienten lösten Gerüche eine Attacke oder Übelkeit aus – Übelkeit trat im Schnitt nach 72,8 Minuten auf, die Kopfschmerzattacke nach rund 2 Stunden. In der Vergleichsgruppe mit Spannungskopfschmerz wurde in keinem einzigen Fall eine Attacke ausgelöst. Die Autoren schlussfolgerten, dass Osmophobie ein hochspezifisches Merkmal zur Unterscheidung zwischen Migräne und Spannungskopfschmerz ist.

Welche Düfte triggern besonders häufig?

Am häufigsten als störend wurden süßes Parfüm, Essensgerüche und Zigarettenrauch empfunden, aber auch Abgase, abgestandene Raumluft, Blumenduft, Lack und Benzin.

Das deckt sich weitgehend mit meiner eigenen Erfahrung. Schwere, blumige Düfte können bei mir eine Attacke ankündigen oder auslösen. Abgase sind besonders verlässlich: Eine Stunde in Hamburg – Großstadt, Abgase, U-Bahn-Luft, tausend Parfums auf engem Raum – und ich habe höllische Kopfschmerzen und Übelkeit. Fast jedes Mal. Das war kein schönes Wissen, als ich täglich mit Zug und U-Bahn zur Berufsfachschule in Hamburg fahren musste.

Und Silvester? Der Schwefelgeruch des Feuerwerks ist für mich einer der schlimmsten Trigger überhaupt.

Was mich besonders beschäftigt: Während eines Anfalls ist jeder Geruch zu viel. Selbst ein Seifenduft, den ich sonst liebe, kann Würgereiz auslösen. Der Körper dreht in dieser Phase einfach alle Empfindlichkeiten hoch.

Künstliche vs. natürliche Düfte

Meine persönliche Beobachtung über die Jahre: Künstliche Gerüche – synthetische Parfums, Waschmittelaromen, Weichspüler – sind für mich deutlich schwieriger als natürliche. Eine Blumenwiese geht in der Regel gut. Ein schweres Parfum im geschlossenen Aufzug: nicht.

Das ist individuell und lässt sich wissenschaftlich nicht verallgemeinern. Aber es lohnt sich, das für sich selbst zu beobachten und im Migräne-Tagebuch festzuhalten.

Was hilft?

Vermeiden, was geht. Ich nutze kein Parfum, wähle geruchsarme Pflege- und Waschmittel und vermeide stark riechende Umgebungen, wenn möglich. Das klingt selbstverständlich, erfordert aber im Alltag ständige Aufmerksamkeit.

Frische Luft. Wenn ein Geruch mich erwischt, helfen Frischluft und Abstand vom Auslöser oft schneller als alles andere.

Riechtraining als Therapieansatz. Das ist neu – und interessant. Untersuchungen am Uniklinikum Dresden haben gezeigt, dass Betroffene mit angenehmen Gerüchen ihr Riechvermögen trainieren können. Das Prinzip: Morgens und abends bewusst an Düften riechen, die man als positiv empfindet – etwa 20 Sekunden aktives Schnüffeln. In verschiedenen Studien waren Orange, Rose und Lavendel bevorzugte Düfte.

Lavendel – mein persönlicher Trigger – ist also für andere heilsam. Das zeigt, wie individuell Osmophobie ist. Was hilft und was schadet, ist von Person zu Person verschieden.

Im Migräne-Tagebuch dokumentieren. Welcher Geruch war kurz vor dem letzten Anfall präsent? War es das Restaurant, das Parfum der Sitznachbarin im Zug, der Weichspüler in der Garderobe? Wer das konsequent festhält, findet oft Muster, die vorher unsichtbar waren.

Ein letzter Gedanke

Osmophobie ist kein Nischenthema – sie betrifft rund jeden dritten Menschen mit schwerer Migräne. Und trotzdem wird kaum darüber gesprochen. Viele Betroffene wissen nicht einmal, dass es einen Namen dafür gibt.

Wenn du das hier liest und dich wiedererkennst: Du bildest dir das nicht ein. Es hat einen Namen. Und es gibt erste Ansätze, damit umzugehen.

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