Ein offizieller Umschlag liegt im Briefkasten. Der Absender: Die Frankfurter Verlagsgruppe. Im ersten Moment schlägt das kreative Herz höher. Auf dem edlen Papier steht schwarz auf weiß: „Ihr Gedicht wurde ausgewählt, um in ‚Die besten Gedichte 2026/2027‘ veröffentlicht zu werden.“ Ein Sonderband! Die vermeintliche Krönung, nachdem ich bereits in der Vergangenheit in den Hauptbänden der „Frankfurter Bibliothek“ vertreten war.
Doch nur wenige Minuten später landet genau dieses Schreiben mit bestem Gewissen im Altpapier.
Warum ich mich gegen diese Veröffentlichung entschieden habe, wie das geschäftsmäßige Prinzip dahinter funktioniert und warum ich beim Schreiben eine eiserne Regel gegen solche Angebote habe, erfährst du in diesem Erfahrungsbericht.
Der Köder: Wenn die Post den Stolz triggert
Wer schreibt, wünscht sich Sichtbarkeit. Das ist völlig normal. Ich freue mich über jeden Text, der den Weg zur Leserschaft findet. Vielleicht hast du meinen früheren Beitrag gelesen, in dem ich über [meine beiden Veröffentlichungen in den Hauptbänden der Frankfurter Bibliothek] gesprochen habe. Damals war der Abdruck in dem fast 1000-seitigen Lyrik-Wälzer komplett kostenlos – ein schönes Gefühl, den eigenen Namen im Buchhandel zu entdecken.
Umso größer war die Euphorie, als nun der Brief für die renommierte Klassikerausgabe eintrudelt. Der Text spricht von einer engen Auswahl aus über 2.000 Einsendungen. Man fühlt sich geehrt, wahrgenommen, bestätigt. Ein echter Meilenstein für die eigene Biografie im Literaturbetrieb, oder?
Erst beim zweiten, genaueren Blick auf den beigefügten Anmeldebogen setzt der „Warte mal kurz…“-Moment ein.
Das Kleingedruckte: Wie aus einem Honorar eine Rechnung wird
Wer die Zeilen des Verlags genau studiert, stößt schnell auf ein psychologisch meisterhaft formuliertes Wording. Es wird ein „einmaliges pauschales Autorenhonorar in Höhe von EUR 50,00“ ausgelobt. Das klingt professionell. Direkt im selben Satz folgt jedoch die Bedingung: Alle, die sich an der Anthologie beteiligen, nehmen 30 Exemplare des Buches zum Ladenpreis von je 14,80 € ab.
Rechnet man diese Zahlen zusammen, ergibt sich ein klares Bild:
- 30 Bücher zu je 14,80 € = 444,00 € Gesamtkosten.
- Abzüglich der 50,00 € „Honorar“ verbleibt eine Summe von 394,00 €.
Das bedeutet unterm Strich: Ich soll knapp 400 Euro an den Verlag überweisen, um in diesem Sonderband stattzufinden. Selbst die angebotene Alternativ-Option unter dem Wort „oder“ verlangt immer noch den Kauf von 3 Pflichtexemplaren, was einem Mindesteinsatz von 44,40 € entspricht. Ein komplett kostenfreier Abdruck ohne Abnahmeverpflichtung wird auf dem gesamten Formular nicht angeboten.
Ebenso verhält es sich mit den aufgeführten Rechenbeispielen zum späteren Honorar ab dem 11.000sten verkauften Exemplar. Es wird mit fünfstelligen Verkaufszahlen jongliert, die auf dem realen, hart umkämpften Lyrikmarkt für solche Sammelbände utopisch sind. Die Auflage finanziert sich in der Realität fast ausschließlich über die Pflichtabnahmen der teilnehmenden Stimmen selbst.
Mein persönliches Statement zur rechtlichen Situation
Ich bin keine juristische Fachkraft und stecke nicht im Vertragsrecht dieses Verlags. Ich gehe einfach mal wohlwollend davon aus, dass hier im Hintergrund alles seinen geregelten Gang geht, keine rechtlichen Verstöße vorliegen und die Bücher am Ende auch wie versprochen gedruckt und geliefert werden. Darum geht es mir bei meiner Kritik auch gar nicht.
Mir geht es einzig und allein um das Prinzip, das hinter diesem Geschäftsmodell steckt. Für mich persönlich fühlt es sich einfach nicht richtig an, Geld auf den Tisch zu legen, um in einem Buch abgedruckt zu werden. Das hat für mich nichts mit dem klassischen Literaturbetrieb zu tun, sondern ist ein geschicktes Marketing mit der verständlichen Sehnsucht Kunstschaffender nach Anerkennung.
Meine eisernen Regeln für seriöse Veröffentlichungen
Als schreibende und kreative Person investiere ich kontinuierlich Energie in meine Arbeit. Ich gestalte eigene Buchcover und stecke viel Zeit in das Marketing meiner eigenen Bücher. Der entscheidende Unterschied ist jedoch: Bei meinen eigenen Projekten behalte ich die volle Kontrolle, die Rechte und den gesamten Erlös.
Für Anthologien, Wettbewerbe und Publikationen habe ich mir deshalb eine eiserne Regel auferlegt: Ich bezahle keine Teilnahmegebühren und ich kaufe mir keine Veröffentlichungen.
Diese Haltung wird auch von großen Stimmen der Buchbranche geteilt. Das offizielle Aktionsbündnis für faire Verlage (Fairlag), das unter anderem vom Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS in ver.di) unterstützt wird, leistet hier wichtige Aufklärungsarbeit.
„Ein seriöser Verlag bezahlt für die schreibende Person und deren Arbeit – und nicht umgekehrt.“
Wer für den eigenen Platz im Buch bezahlen muss, kauft sich eine Sichtbarkeit, die in der professionellen Buchbranche und bei Agenturen keinerlei Reputationswert besitzt. Man steht am Ende auf Seite 300 von Hunderten anderen Kunstschaffenden, die alle dasselbe bezahlt haben, während das Buch kaum den Weg in den regulären Buchhandel außerhalb dieser eigenen Blase finden dürfte.
Fazit: Ab ins Altpapier – Zeit für echte Projekte
Der Brief der Frankfurter Verlagsgruppe hat den Weg in meine Papiertonne gefunden. Und das fühlt sich unglaublich befreiend an. Meine Texte, meine Energie und mein Budget sind viel zu wertvoll, um sie in Systemen zu verbrennen, die vom finanziellen Vorschuss der Kreativen leben. Ich stecke meine Kraft lieber in meine eigenen, selbstbestimmten Buchprojekte.
Jetzt du: Kam ein solches Schreiben auch schon mal bei dir an? Wie wurde darauf reagiert? Wo liegt beim Schreiben die persönliche rote Linie, wenn es um Kosten für Veröffentlichungen geht? Der Kommentarbereich steht offen für deine Gedanken!