Warum meine Topfpflanzen mich an die Gleichberechtigung erinnern

Der morgendliche Check in Osterholz-Scharmbeck

Der Rechner fährt hoch, die Katzen haben ihr Frühstück (natürlich!) und ich drehe meine Runde. Als Solo-Selbstständige im Kleingewerbe bin ich hier die Chefin, aber oft fühle ich mich eher wie die Krisenmanagerin eines kleinen Familienunternehmens. Haushalt, Mann, Katzen, die Unterstützung der Schwiegereltern und zwischendurch der Hund. Alles läuft. Meistens jedenfalls.

Und dann ist da noch meine ganz besondere Beziehung zu Zimmerpflanzen. Ich hasse Schnittblumen. Tote Blumen in Vasen sind für mich kein Geschenk, sondern ein schlechtes Omen. Wenn überhaupt, dann kommen Topfpflanzen ins Haus. Ich stehe dann im Gartencenter, betrachte das Grün und sage fast mitleidig: „Du siehst schön aus. Du kommst mit zu mir – zum Sterben.“

Das Trostpflaster-Prinzip

Warum ich dir das erzähle? Weil der Frauentag am Sonntag oft genau so funktioniert. Da bekommt man eine Blume (oder eine Topfpflanze mit ungewisser Lebenserwartung) hingestellt als „Danke“ für all das, was man das Jahr über so wuppt. Aber seien wir ehrlich: Diese Geste ist oft nur ein Trostpflaster für ein tief sitzendes, strukturelles Problem.

Während ich mich um die Mental Load kümmere – also nicht nur den Haushalt mache, sondern auch daran denke, dass das die Margarine leer ist, die Katzen ihren Arzttermin haben, ich auf den Handwerker warte, … – tickt im Hintergrund eine ganz andere Uhr.

Wusstest du schon?

Frauen leisten weltweit unbezahlte Sorgearbeit im Wert von 10,8 Billionen US-Dollar. Das ist dreimal so viel wie die gesamte Tech-Industrie zusammen wert ist. Wenn wir also am Montag zum Frauenstreik aufgerufen sind, geht es nicht darum, die Arbeit liegen zu lassen, um faul zu sein. Es geht darum zu zeigen: Wenn wir aufhören zu koordinieren, zu pflegen und „mitzuplanen“, dann bleibt das System stehen. Auch hier in O-Town.

Wir sind kein „ehrenamtlicher Support“ der Gesellschaft. Wir sind der Motor. Und dieser Motor braucht mehr als einmal im Jahr Dünger in Form von netten Worten.

Haltung: Teamwork statt Helfer-Syndrom

Ich liebe mein Leben, meine Katzen und meinen Mann. Aber ich möchte nicht die „Heldin“ sein, die alles alleine schafft. Ich möchte ein Team. Das Bundesarbeitsgericht hat längst klargestellt, dass besseres Verhandlungsgeschick kein Grund für schlechtere Bezahlung sein darf. Aber wer verhandelt eigentlich die „Rente“ für die Zeit, die wir mit der Pflege der Angehörigen oder dem Management des Alltags verbringen?

Gleichberechtigung bedeutet für mich, dass meine Arbeit im Kleingewerbe genauso viel Raum einnehmen darf wie die Care-Arbeit – und dass beides gesehen wird. Ohne dass ich am Ende des Tages das Gefühl haben muss, meine eigenen Bedürfnisse seien wie die Topfpflanze auf der Fensterbank: Schön anzusehen, aber eigentlich schon auf dem Weg zum Kompost.

Wusstest du? Recht auf gleichen Lohn

Lange hielt sich der Mythos: „Männer verdienen nur mehr, weil sie besser verhandeln.“ Das Bundesarbeitsgericht hat diesem Argument am 16. Februar 2023 eine klare Absage erteilt (Az. 8 AZR 450/21).

Das Urteil im Klartext:
Ein Arbeitgeber darf einer Frau nicht deshalb weniger bezahlen als einem männlichen Kollegen, weil dieser bei der Einstellung ein höheres Gehalt ausgehandelt hat. „Verhandlungsgeschick“ ist kein objektiver Grund für Lohnungleichheit bei gleicher Arbeit.

Damit wurde die Position von Frauen im Kampf um den Gender Pay Gap massiv gestärkt.

Was wir wirklich tun können:

  1. Sichtbarkeit: Macht die unsichtbare Arbeit zum Thema. Wer denkt bei euch an die Geburtstage, die leere Milch oder den Tierarzttermin?
  2. Echte Partnerschaft: Wir brauchen keine Männer, die im Haushalt „helfen“. Wir brauchen Männer, die die Verantwortung für die Aufgaben übernehmen.
  3. Konsequenz: Nutzt den Montag, um innezuhalten. Was würde passieren, wenn ihr eure „unsichtbare Schicht“ für einen Tag nicht macht?

Lasst uns den Sonntag genießen (vielleicht mit einer Pflanze, die diesmal überlebt), aber am Montag laut werden. Damit Gleichberechtigung nicht nur eine hübsche Dekoration bleibt, sondern endlich Wurzeln schlägt.

Fazit: Gleichberechtigung braucht Wurzeln, keine Vasen

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Internationale Frauentag am 8. März ist weit mehr als ein Datum für nette Gesten. Ob in Osterholz-Scharmbeck oder weltweit – wir müssen über die Verteilung von Care-Arbeit, den Gender Pay Gap und die unsichtbare Last der Mental Load sprechen. Der Frauenstreik am 9. März zeigt deutlich, dass das System ohne die (oft unbezahlte) Arbeit von Frauen ins Wanken gerät.

Wahre Wertschätzung zeigt sich nicht in Blumen, die wir „zum Sterben“ nach Hause tragen, sondern in fairen Strukturen, die uns als Selbstständige, Mütter und Pflegende absichern. Es ist Zeit, dass Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft nicht nur als Deko dient, sondern endlich tiefe Wurzeln schlägt.

1 Gedanke zu „Warum meine Topfpflanzen mich an die Gleichberechtigung erinnern“

  1. sehr schön geschrieben..
    Ich bin ja zum Glück schon raus aus dem Hamsterrad
    eigentlich (aber nur eigentlich) kümmere ich mich nur noch
    um mich selber ..
    trotzdem war ich gestern in Mainz zu einer Frauen-Demo
    für so eine große Stadt waren aber nicht viele da
    wenn wirklich ALLE Frauen einen Tag streiken würden
    bräche das ganz Systhem zusammen
    Frauen sollten sich sichtbarer machen..
    liebe Grüße
    Rosi

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