Ich muss zugeben, dass ich mich anfangs etwas schwergetan habe, dieses Buch überhaupt aufzuschlagen. Es ist nun mal ein Sachbuch und das Thema digitale Misogynie, Hass im Netz und gezielte Angriffe auf Frauen ist wahrlich keine leichte Kost. Doch ich habe das Buch nicht ohne Grund im Regal stehen: Das Thema interessiert mich brennend und ich halte es für extrem wichtig. Immerhin bin ich selbst eine Frau und habe mich beim Lesen auf schmerzhafte Weise oft selbst wiedergefunden. Meine anfängliche Sorge vor einem trockenen, zähen Text war zum Glück vollkommen unbegründet. Ingrid Brodnig hat hier ein Werk geschaffen, das aufrüttelt, schockiert und gleichzeitig unglaublich flüssig geschrieben ist.
Das Buch
- Autorin: Ingrid Brodnig
- Titel: Feindbild Frau: Gewalt und Hass im Netz gegen Frauen – und wie wir uns Wehren können
- Erscheinungsdatum: 25. Februar 2026
- ISBN: 978-3710609428
- Verlag: Brandstätter Verlag

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Worum geht es in „Feindbild Frau“?
Ingrid Brodnig analysiert in ihrem aktuellen Buch die erschreckenden Mechanismen von digitalem Hass, Sexismus und gezielten Shitstorms, die Frauen im Internet entgegenschlagen. Dabei blickt sie vor allem auf Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen – insbesondere Politikerinnen –, zieht aber auch Parallelen zum Alltag jeder ganz normalen Internetnutzerin. Das Buch ist jedoch kein reines Jammern über den Ist-Zustand, sondern liefert auch konkrete Lösungsansätze, rechtliche Einordnungen und praktische Tipps, wie man sich im digitalen Raum wirksam schützen und wehren kann.
Meine ehrliche Meinung: Packend, schockierend und schmerzhaft vertraut
Der Schreibstil der Autorin ist einfach großartig. Man spürt auf jeder Seite eine moderne, junge und dynamische Stimme, die es schafft, diese schwere Thematik packend herunterzubrechen. Wenn die Realität hinter den geschilderten Fakten nicht so unfassbar traurig wäre, könnte man fast meinen, man liest einen spannenden Roman.
Die Autorin erzählt viel aus ihrem eigenen Leben als Frau und weiß genau, wie ungemütlich und verletzend das Netz sein kann. Besonders stark fand ich die zahlreichen Interviews, die sie für das Buch geführt hat. Da sie sowohl mit österreichischen als auch mit deutschen Politikerinnen gesprochen hat, war ich sofort mittendrin. Man kennt die Namen aus der Presse – aber was hier an Details und Hintergründen ans Licht kommt, hat mich echt schlucken lassen. Da sitzt man beim Lesen auf dem Sofa und denkt sich nur: Das kann doch alles wohl nicht wahr sein!
Beim Lesen kam bei mir jedoch weit mehr hoch als nur blankes Entsetzen über die Schicksale prominenter Frauen. Dieses Buch berührt einen wunden Punkt, denn digitaler und analoger Hass ist eben kein Exklusivproblem von Promis und Politikerinnen. Es betrifft uns alle. Es hat mich betroffenen.
Ich selbst wurde im Laufe meines Lebens mehr als einmal (nicht nur) im Netz beleidigt, virtuell angegangen und sexuell belästigt. Und ich stehe damit nicht alleine da; ich kenne in meinem Umfeld kaum eine Frau, die solche Erfahrungen noch nicht machen musste. Der alltägliche Sexismus sitzt tief in den Strukturen unserer Gesellschaft. Ich musste beim Lesen an einen früheren Job zurückdenken, in dem mein damaliger Vorgesetzter Frauen im allen Ernstes als „schwanzloses Rumgehopse“ bezeichnete. Damals war ich leider noch jung, eingeschüchtert und habe geschwiegen. Heute würde ich definitiv anders reagieren, den Mund aufmachen und Kontra geben. Aber genau solche Sätze zeigen, auf welchem Nährboden der spätere Hass im Netz überhaupt erst gedeiht.
„Das ist schwanzlose Rumgehopse!“
(Zitat eines ehemaligen Vorgesetzten)
Erschreckende Zahlen: Das Problem ist messbar
Dass mein Bauchgefühl und die Schilderungen von Ingrid Brodnig keine Einzelfälle sind, untermauern offizielle, zertifizierte Daten. Wer immer noch glaubt, Frauen übertreiben bei diesem Thema, sollte einen Blick in die aktuellen Bundeslagebilder des Bundeskriminalamts (BKA) werfen:
- Allein im Bereich der polizeilich erfassten digitalen Gewalt verzeichnet das BKA kontinuierliche Anstiege auf über 18.000 weibliche Opfer pro Jahr.
- Noch deutlicher wird das Ausmaß beim Blick auf die politisch motivierte Kriminalität: Hier stiegen die explizit frauenfeindlichen Straftaten zuletzt massiv um über 73 % an.
- Die groß angelegte Dunkelfeldstudie „LeSuBiA“ des BKA zeigt zudem, dass fast jede zweite Frau (45,8 %) in ihrem Leben bereits sexuelle Belästigung erfahren hat.
Das zeigt schwarz auf weiß: Was Ingrid Brodnig beschreibt, ist ein strukturelles, eskalierendes gesellschaftliches Problem.
Was mir an dem Buch trotz all dem Grauen besonders positiv aufgefallen ist: Die Autorin lässt uns nicht hilflos zurück. Sie gibt greifbare Tipps an die Hand. Ein super Beispiel ist das „Buddy-System“ für Kommentare. Statt sich den toxischen Hass und die Beleidigungen selbst ungefiltert durchzulesen, bittet man eine Vertrauensperson, den Kommentarspalten-Check zu übernehmen und den Müll vorab auszusortieren. So schützt man die eigene mentale Gesundheit.
Ein winziger Kritikpunkt betrifft die rechtliche Einordnung im Buch – was allerdings schlicht dem Timing geschuldet ist. Die Gesetzgebung schläft zum Glück nicht komplett: Das unaufgeforderte Versenden von Dickpics ist mittlerweile in Österreich unter Strafe gestellt und auch beim Thema KI-generierte Verunstaltungen oder Deepfakes tut sich durch geplante digitale Gewaltschutzgesetze in Deutschland gerade unheimlich viel. Dass diese ganz frischen Entwicklungen im Buch noch keine tiefe Berücksichtigung finden, ist logisch, sollte man als Leserin aber im Hinterkopf behalten.
🤍 Du bist nicht allein: Hier findest du Unterstützung
Wenn du selbst von digitaler Gewalt, Hass im Netz, Stalking oder Sexismus betroffen bist, musst du das nicht schweigend ertragen. Es gibt professionelle, kostenlose und auf Wunsch vollkommen anonyme Hilfsangebote, die dich unterstützen und dir zeigen, wie du dich rechtlich und mental wehren kannst:
Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ (Deutschland): Rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und anonym.
📞 Telefon: 116 016
🌐 Online-Beratung: hilfetelefon.de
Frauenhelpline gegen Gewalt (Österreich): Täglich 24 Stunden besetzt, kostenfrei und vertraulich.
📞 Telefon: 0800 222 555
🌐 Online-Infos: frauenhelpline.at
HateAid (Beratungsstelle bei digitaler Gewalt): Hier erhältst du konkrete emotionale Unterstützung, IT-Sicherheitsberatung und finanzielle Hilfe bei der rechtlichen Durchsetzung (Prozesskostenhilfe) gegen Täter im Netz.
🌐 Website & Meldestelle: hateaid.org
Wichtig: Sichere Beweise! Mach Screenshots von Beleidigungen, Drohungen oder unerwünschten Zusendungen (inklusive Datum, Uhrzeit und Profil-URL des Täters), bevor du die Accounts blockierst oder die Kommentare löschst.
Mein Fazit: Für wen lohnt sich das Buch?
Dieses Sachbuch ist für mich eine absolute Pflichtlektüre! Es richtet sich natürlich an alle Frauen, die sich im Netz bewegen, digitale Medien nutzen oder in irgendeiner Form in der Öffentlichkeit stehen. Aber eigentlich ist es ein Buch, das jeder Mann und jede Frau lesen sollte, um die Augen vor der digitalen Gewalt nicht länger zu verschließen. Trotz des schweren Themas fliegt man dank des tollen Schreibstils nur so durch die Seiten. Ein wichtiges, mutiges und hervorragend recherchiertes Buch, dem ich aus vollem Herzen die volle Punktzahl gebe.
Ein Blick in die Realität (Oder: Wenn die Rezensionen das Buch bestätigen)
Ach übrigens: Wie tief das Phänomen des digitalen Frauenhasses sitzt und wie schnell die im Buch beschriebenen Mechanismen greifen, zeigt ein aktueller Blick in die Amazon-Bewertungen zu Feindbild Frau. Da wird fleißig versucht, das Problem kleinzureden oder mit klassischem „Whataboutism“ abzulenken.
Ganz vorne mit dabei: Die Behauptung, das Buch sei „zu einseitig“, weil es rechte Hetze thematisiere. Doch genau das ist kein gefühltes Vorurteil der Autorin, sondern ein statistisch bewiesener Fakt. Studien und Lageberichte des Bundeskriminalamts (BKA) zeigen deutlich, dass organisierter Hass im Netz gegen Frauen massiv aus dem rechtsextremen und antifeministischen Spektrum gesteuert wird. Misogynie wird dort gezielt als politisches Werkzeug eingesetzt, um Frauen mundtot zu machen.
Wenn Rezensenten dann behaupten, Frauen würden sich bloß „ganz nach oben auf die Opferpyramide stellen“ wollen, beweisen sie unfreiwillig genau das, was Ingrid Brodnig in ihrem Werk analysiert: Die systematische Herabwürdigung von realer, digitaler Gewalt. Manchmal schreibt sich die beste Bestätigung für ein Buch eben direkt in den Kommentarspalten darunter.
