Es gibt diesen Moment, kurz bevor es kippt. Wenn der Körper schon längst sendet, was der Kopf noch nicht hören will. Wenn die Müdigkeit nicht mehr schläfrisch ist, sondern schwer. Wenn die Gedanken sich nicht mehr ordnen lassen.
Ich kenne diesen Moment gut. Ich habe ihn jahrelang ignoriert.
Die Überstunden-Spirale
Beruflich war ich lange jemand, der einspringt. Immer. Überstunden, Doppelschichten, spontan länger bleiben, Kollegen ersetzen, Lücken füllen. Man braucht jemanden? Ich bin da.
Das klingt nach Stärke. Es war keine.
Ich war erschöpft. Fast die ganze Zeit Kopfschmerzen. Viele Migräneanfälle – und das Perfide: besonders an freien Tagen. Der Körper hält durch, solange er muss. Und wenn er endlich Pause bekommt, bricht er zusammen. Das nennt sich Wochenendmigräne – und sie ist kein Zufall, sondern Biologie.
Irgendwann habe ich die Reißleine gezogen. Nein gesagt. Meine Stunden reduziert.
Es wurde besser – körperlich. Nicht einfacher – beruflich. Denn bei verschiedenen Arbeitgebenden war viel Diskussion nötig, um das durchzusetzen. Den meisten ist Arbeitskraft wichtiger als gesunde, langbleibende Mitarbeitende. Das ist keine neue Erkenntnis. Aber es ist eine, die wehtut, wenn man selbst drin steckt.
Und ja – es ist ein gesellschaftliches Problem, wenn Leistung über Gesundheit gestellt wird. Aber das ist ein anderer Artikel.
Der eine Holzstapel zu viel
Stress kommt nicht nur aus der Arbeit. Das ist die Lektion, die ich immer wieder lerne.
Holz machen. Ein halber Tag Arbeit, der Körper meldet sich, die Erschöpfung sitzt tief. Und ich? Ich will unbedingt noch den einen Stapel fertig machen. Nur noch dieser eine.
Es ging schief. Natürlich.
Weil „nur noch dieser eine“ der Satz ist, der mich mehr Migräneanfälle gekostet hat als fast alles andere. Das Gehirn kennt keine Verhandlung. Es kennt Grenzen – und wenn man sie überschreitet, zieht es selbst die Notbremse.
Hinweis vorab: Ich bin keine Ärztin und dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Was ich hier teile, sind meine persönlichen Erfahrungen als Betroffene – aus Patientinnenperspektive.
Was Stress mit Migräne macht
Stress ist einer der häufigsten Migräne-Trigger – das ist wissenschaftlich gut belegt. Aber der Mechanismus ist nicht ganz so simpel wie „Stress rein, Migräne raus.“
Tatsächlich ist es oft der Stressabfall, der die Attacke auslöst. Der Freitagabend nach einer stressigen Woche. Der erste Urlaubstag. Das Wochenende. Der Körper war unter Strom, Stresshormone haben ihn stabilisiert – und wenn der Druck nachlässt, fällt er auseinander.
Das ist frustrierend. Und es erklärt, warum Migräne so gerne dann kommt, wenn man eigentlich Pause macht.
Was hilft, ist nicht die Abwesenheit von Stress – die ist selten realistisch. Was hilft, ist eine gleichmäßigere Belastung. Weniger extreme Hochs, weniger abrupte Tiefs. Das klingt banal. In der Umsetzung ist es harte Arbeit.
Was ich inzwischen tue
Ich habe gelernt, früher zu stoppen. Nicht wenn ich fertig bin – sondern wenn der Körper sendet. Das ist ein Unterschied, der mich einige Zeit gekostet hat zu verstehen.
Konkret bedeutet das für mich: Wenn ich merke, dass die Erschöpfung eine bestimmte Qualität bekommt – diese schwere, bleierne Art, die sich anders anfühlt als normale Müdigkeit – ist es Zeit, aufzuhören. Nicht in einer Stunde. Jetzt.
Kleine Pausen zwischendurch helfen dabei mehr als eine lange Pause am Ende. Ich habe darüber schon ausführlicher geschrieben – mit konkreten Mini-Ritualen, die sich zwischen den To-dos einfügen lassen, ohne dass man großartig etwas vorbereiten muss: Kleine Rituale statt Weihnachtsstress – die funktionieren übrigens das ganze Jahr, nicht nur im Dezember.
Und mein Zeitmanagement-System – mit Fokus-Blocks, dem 17:30-Anker und dem, was ich meine „atmende Struktur“ nenne – hilft mir, den Tag so zu strukturieren, dass die Hochs und Tiefs gleichmäßiger werden. Das habe ich ausführlich in „Das Gedankenknäuel entwirren“ beschrieben.
Was „Nein“ wirklich bedeutet
Nein sagen fühlt sich für viele Menschen wie Versagen an. Wie Schwäche. Wie Enttäuschung der anderen.
Es ist keines davon.
Es ist die Entscheidung, die eigene Gesundheit als Bedingung zu behandeln – nicht als Variable. Der Holzstapel wäre auch am nächsten Tag noch da gewesen. Die Überstunden hätte jemand anderes gemacht. Der Anfall? Den trage ich alleine.
Das Nein, das ich heute sage, schützt das Ja von morgen.
Das klingt wie ein Aufkleber. Aber es stimmt trotzdem.
Kennst du das – diese Momente, wo du weißt, du solltest aufhören, und es trotzdem nicht tust? Schreib es in die Kommentare. Ich lese jeden einzelnen. 🙂