(Werbung) Manchmal braucht es gar keine dicken Romane, um einen komplett in den Bann zu ziehen. Das hat der Comic „Krähen“ von Mofei, erschienen im Chinabooks Verlag, bei mir eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Obwohl die Graphic Novel erst vor rund zwei Wochen, am 23. Juni 2026, erschienen ist, durfte ich sie im Rahmen einer Leserunde auf LovelyBooks entdecken. Und was soll ich sagen? Ich habe das Buch tatsächlich in einem einzigen Zug verschlungen! Es war ein unheimlich rasanter Ritt, der mich trotz kleinerer Stolpersteine in der visuellen und materiellen Umsetzung richtig gut unterhalten hat. Band 2 ist jedenfalls schon direkt auf meine Wunschliste gewandert. 😄
Das Buch
- Autor/Zeichner: Mofei
- Titel: Krähen
- Erscheinungsdatum: 23. Juni 2026
- ISBN: 978-3038870432
- Verlag: Chinabooks E.Wolf

Worum geht es in „Krähen“?
Die Geschichte wirft uns mitten hinein in das Leben von Zhang Zha. Er ist ein eigentlich ganz normaler Lieferant, der durch eine Verkettung unglücklicher Umstände – und einen kleinen Zahlendreher bei einer Adresse – in ein absolut skurriles, gefährliches und zutiefst mystisches Abenteuer hineingezogen wird. Plötzlich geht es um geheimnisvolle Verfolger, einen mysteriösen Sarg und Rituale, die die Grenzen von Leben und Tod verschwimmen lassen.
Humorvoller Einstieg und rasant Fahrt aufnehmende Handlung
Der Comic startet mit einem netten Gimmick: Eine Doppelseite stellt die wichtigsten Figuren vor, liefert Zeichnungen und eine kurze Zusammenfassung. Ich musste bei der Figurenvorstellung arg schmunzeln, weil Mofei sogar Gegenstände wie das Auto oder Dinge wie eine Nadel, Gold und einen Schlafanzugträger augenzwinkernd in diese Vorstellung einbaut. Ein sehr lustiges Detail! Da es namentlich gar nicht so viele Figuren gibt, hätte ich es zwar nicht zwingend gebraucht, aber es setzt direkt einen charmanten Ton.
Der Einstieg in die eigentliche Story ist herrlich rasant. Unser Protagonist Zhang Zha war mir sofort sympathisch. Ein kleines Logikloch gab es für mich zwar direkt zu Beginn: Er leistet sich einen Zahlendreher bei einer Lieferadresse. Gerade als Lieferant im Zeitdruck würde man doch, wenn keiner aufmacht, erst recht noch mal doppelt kontrollieren, ob man an der richtigen Tür steht. Aber gut – über diesen Punkt sieht man gerne hinweg, weil die Story einen danach sofort packt. Besonders cool gelöst finde ich die textfreien Doppelseiten. Der Text im gesamten Comic ist allgemein sehr minimalistisch gehalten, aber das stört überhaupt nicht. Die Zeichnungen im Großen und Ganzen sind wirklich toll, transportieren die packende Atmosphäre perfekt und sprechen hier definitiv für sich. Sie sind zwar nicht extrem detailreich – an den Gesichtern hätte man sicher noch mehr Details oder Krähenfüße ausarbeiten können –, aber sie erfüllen ihren Zweck vollkommen.
Stirb an einem anderen Tag – Mysterien und ungelöste Fragen
Im zweiten Kapitel zieht das Tempo sogar noch einmal an und steigert sich stetig. Obwohl unser sympathischer Hauptcharakter hier eigentlich stirbt, ist es mit ihm noch lange nicht vorbei! Er erwacht wieder, scheint von seinem eigenen Ableben zunächst gar nichts zu wissen und wird prompt von den nächsten Verfolgern gejagt, die ihm ans Leder wollen. Der Gute hat wirklich ein schweres Los gezogen. Überall tauchen blutige Fußspuren auf und es stellen sich sofort packende Fragen: Was hat es mit diesen Spuren auf sich? Wer ist die geheimnisvolle Person, die es auf den Sarg abgesehen hat? Und was genau befindet sich überhaupt in diesem Sarg? Meine Neugier war spätestens hier absolut geweckt.
Leider muss ich an dieser Stelle auch einen kleinen Kritikpunkt äußern. Im weiteren Verlauf wird es sehr mystisch. Zhang Zha wird gefangen genommen und ist plötzlich mit Münzen und fremden Schriftzeichen übersät und gefesselt. Er fragt selbst laut nach, was das alles zu bedeuten hat – bekommt darauf aber leider keinerlei Antwort. Das fand ich unheimlich schade. Hier steckt ganz offensichtlich ein spannendes, rituelles System dahinter, über das ich als Leserin wahnsinnig gerne mehr erfahren hätte. Dass dieses Mysterium hier so gar nicht aufgelöst wurde, hat mich ein wenig unbefriedigt zurückgelassen.
Tolle Dynamik, visuelle Schwächen und ein beruhigender Fehler
Im vierten Kapitel beweist Zhang Zha echtes Verhandlungsgeschick und überzeugt seine Entführer, ihn mitzunehmen. Natürlich schmiedet er im Hintergrund sofort Fluchtpläne. Wer würde das nicht tun? Das bringt eine tolle humorvolle Note in die Geschichte, denn er spinnt diese Fluchtgedanken in seinem Kopf immer weiter, nur um sie dann aus den pragmatischsten Gründen selbst wieder zu verwerfen. Das ist unheimlich unterhalten zu lesen.
Allerdings stolpert der Comic hier (wie auch schon bei den Rückblenden in den vorherigen Kapiteln) über ein visuelles Problem: Die Abgrenzung fehlt. Wenn Erinnerungen oder reine Gedankenspiele im Kopf des Protagonisten optisch exakt genauso gestaltet sind wie die reale, gegenwärtige Handlung, wird es unheimlich schwer, das beim Lesen zu unterscheiden. Hier hätte der Zeichner das Ganze anders lösen müssen – zum Beispiel, indem man die Panels für Gedanken oder Rückblenden anders formt (etwa wellig oder wolkenartig wie eine Gedankenwolke).
Ein kleiner Lektoratsfehler hat sich auf Seite 188 ebenfalls eingeschlichen, wo es heißt: „Sie legt mich in ein Loch und mit deckt mich…“ – das Wort „mit“ ist hier definitiv zu viel. Für mich als Autorin war das ehrlicherweise irgendwie beruhigend zu sehen, dass auch Verlagen solche Fehler durchrutschen. Es nimmt einem ein bisschen die Sorge vor den eigenen, kleinen Fehlern, die trotz aller Sorgfalt mal im eigenen Buch landen.
Grandioser Showdown im Vergnügungspark und Format-Kritik
Das fünfte Kapitel entschädigt für vieles und bietet einen richtig tollen Showdown. Die Charaktere begeben sich in einen alten, verlassenen Vergnügungspark. Das ist im Dunkeln an sich schon eine unheimlich gruselige Kulisse, aber weil das dem Autor wohl noch nicht reichte, tauchen auch noch Wiedergänger auf. Endlich versteht auch der Protagonist, was er eigentlich ist: nämlich genau das Tor, durch das die Verstorbenen in unsere Welt zurückkehren. Das Ganze endet mitten im Kampf – unheimlich gruselig, packend und mit einem gemeinen Cliffhanger. Ich liebe es einfach! Endlich erfahren wir hier auch, wer die „Krähen“ (seine Entführer) wirklich sind.
Ein technischer Kritikpunkt ist mir gegen Ende auf den Seiten 272/273 aufgefallen: Dort ist eine Sprechblase unglücklicherweise genau im Knick der Doppelseite platziert worden. Man kann zwar mehr oder weniger erraten, was dort steht, aber ideal gelöst ist das nicht. Das liegt vermutlich auch am etwas größeren Format. Da Comics dieser Art von Natur aus eher etwas flexibler und „schlabberiger“ in der Hand liegen, wäre ein härterer Einband für die Stabilität hier gar nicht so schlecht gewesen.
Mein Fazit: Für wen lohnt sich der Comic?
„Krähen“ ist ein unheimlich spannender, visuell starker Mystery-Comic, den man durch das hohe Tempo fantastisch in einem Rutsch durchlesen kann. Wer Lust auf eine rasante, leicht skurrile Geschichte mit asiatisch-mystischem Einschlag, einem verlassenen Freizeitpark und einem sympathischen Pechvogel als Helden hat, wird hier bestens bedient. Aufgrund der fehlenden optischen Trennung bei Gedanken, der offenen Fragen zu den Ritualen und den kleinen Mängeln im Druck-Layout reicht es nicht ganz für die Höchstwertung, aber es ist eine wirklich gute, fesselnde Leseempfehlung!