Schreiben ist so individuell wie die Menschen, die es tun. Kaum eine Frage beschäftigt Autorinnen und Autoren dabei so sehr wie diese: Erst planen und dann schreiben – oder einfach loslegen und schauen, wohin die Geschichte führt? Ich verrate dir schon mal: Bei mir ist die Antwort eindeutig. Und sie hat mit einer einzigen Datei, eigensinnigen Figuren und einer tiefen Abneigung gegen freie Themenwahl zu tun.
Es gibt zwei Lager unter Schreibenden.
Die einen haben ein Notizbuch voller Szenenübersichten, Charakterbögen, Zeitlinien und Farbcodes. Sie wissen vor dem ersten Satz, wie der letzte lautet. Sie plotten. Strukturiert, methodisch, sicher.
Und dann gibt es mich.
Operation am offenen Herzen
Ich speichere nicht unter. Kein „Roman_Version2″, kein „Roman_FINAL“, kein „Roman_WIRKLICHJETZT_FINAL“. Eine Datei. Ich öffne sie, ich schreibe, ich speichere. Punkt.
Das klingt riskant – und ja, es ist schon schiefgegangen. Natürlich. Einmal. Das gehört zur Geschichte.
Aber der Grund ist praktisch: Ich will am Ende nicht in zehn verschiedenen Dateien suchen, welche die aktuellste ist. Ich will nicht aus Versehen in der falschen weiterschreiben. Eine Datei, ein Roman, ein Prozess. Andere Autorinnen sichern jede Szene dreifach ab und legen Versionsnummern an wie ein Softwareunternehmen. Ich operiere am offenen Herzen und vertraue darauf, dass ich nicht ausrutsche.
Meistens.
Was ich statt Plotten mache
Ich plotte nicht. Zumindest nicht so richtig.
Was ich habe: eine Idee. Die schreibe ich auf – irgendwo in meinem geordneten Chaos, also auf einem Zettel, im Notizbuch, im Smartphone oder in einer Datei, je nachdem wo die Idee mich erwischt. Dazu kommt ein ungefähres Gefühl dafür, was passieren könnte. Wer die Figuren sind. Wo die Geschichte landen soll.
Aber das ist kein Plan. Das ist eher eine Einladung.
Denn dann fangen die Figuren an, sich zu bewegen – und oft gehen sie in Richtungen, die ich nicht vorgesehen hatte. Eine Nebenfigur bekommt plötzlich mehr Gewicht. Eine Szene, die ich für unwichtig hielt, trägt auf einmal die ganze Geschichte. Eine Entscheidung, die ich der Protagonistin zugedacht hatte, trifft jemand ganz anderes.
Ich liebe dieses Eigenleben. Es ist das Überraschendste am Schreiben – dass Figuren, die ich erfunden habe, anfangen, mich zu überraschen.
Wenn die Figuren die Geschichte übernehmen
Das klingt mystisch. Es ist es nicht – oder vielleicht doch ein bisschen.
Was passiert, ist: Figuren entwickeln innere Logik. Sie haben Motive, Ängste, Widersprüche. Wenn man diese Logik konsequent weiterdenkt, ergeben sich Entscheidungen fast von selbst. Nicht weil die Figur „lebendig“ ist, sondern weil sie konsistent ist.
Und manchmal kommt am Ende eine ganz andere Geschichte heraus als die, mit der ich angefangen habe. Nicht schlechter. Oft besser. Aber anders.
Das ist der Grund, warum ich strenge Plotvorgaben schwierig finde. Wenn ich von Anfang an festgelegt habe, dass Szene 7 so und so ausgeht – und die Figur würde das in diesem Moment nie tun – dann habe ich ein Problem. Entweder ich breche die Logik der Figur, oder ich breche den Plan.
Ich breche lieber den Plan.
„Thema frei wählbar“ – mein persönlicher Albtraum
Wer denkt, dass freie Themenwahl das Schönste ist, was einem Schreibenden passieren kann, hat noch nie in meinem Kopf gewohnt.
Denn ich habe immer Ideen. Dutzende. Gleichzeitig. Alle wollen geschrieben werden, alle fühlen sich wichtig an, alle drängen sich vor. Wenn eine Ausschreibung sagt „Thema frei wählbar“, ist das keine Einladung zur Freiheit – das ist ein Auftrag zur Qual.
Welche Idee? Diese? Oder die? Oder die andere, die ich letzte Woche hatte? Oder vielleicht doch die, die schon seit zwei Jahren wartet?
Paradoxerweise schreibe ich am besten mit Einschränkungen. Ein konkretes Thema, ein Wortlimit, eine Stimmungsvorgabe – das gibt meinen Ideen eine Richtung. Es filtert das Chaos auf das, was wirklich passt. Und aus diesem gefilterten Chaos entsteht dann meistens etwas, das ich allein mit freier Wahl nie geschrieben hätte.
Was das über das Schreiben sagt
Es gibt keine richtige Methode. Das ist die ehrliche Antwort auf die Frage „Plotten oder Losschreiben?“
Manche Menschen brauchen die Sicherheit eines Plots, um überhaupt anzufangen. Andere – wie ich – brauchen die Offenheit, um nicht das Gefühl zu haben, nur noch einen fertigen Plan abzutippen.
Was zählt, ist das Ergebnis: eine Geschichte, die sich stimmig anfühlt, in der die Figuren atmen und in der am Ende etwas steht, das vorher nicht da war.
Wie man dorthin kommt, darf jeder selbst entscheiden.
Und wenn dabei eine Datei ohne Versionsnummer auf dem Schreibtisch liegt – so sei es.
Bist du eher Plotter oder Pantser – also jemand, der einfach drauflosschreibt? Ich bin gespannt, was bei dir funktioniert. Schreib es in die Kommentare. 🙂